Finke, Marcel. Ambivalente Gischt. Fluide Schäume in Alltag und Kunst / 2016

Finke, Marcel. Ambivalente Gischt. Fluide Schäume in Alltag und Kunst

...Eine der ersten, die die beinah versiegte Quelle der Aphrogenese für sich erschloss und den Schaum wieder zum Fließen brachte, war Christine Biehler. Seit Mitte der 1990er Jahre entwickelte sie wiederholt Arbeiten, in denen wachsende und oft stark duftende Seifenschäume in Aktion auftraten. Auf eine besonders einfache wie sinnfällige Weise ist die materielle Eigendynamik des Schaums beispielsweise in ihrem prozessualen Wandobjekt »Venus World« (1996) oder der Rauminstallation »entrInnen – Aphrodite 1« (1996) erzählerisch eingebunden worden. Ging es in diesen Arbeiten vornehmlich um genderspezifische Bedeutungen des Schaums, das heißt um Hygienevorstellungen, Zeugungsmythen und Fragen der (künstlerischen) Produktivität, setzten sich andere noch stärker mit Reinheitsgeboten der Kunst und ihrer Institutionen auseinander. So verwandelte sich in »102 m über +/- ground floor« (1999) eine grüne, fluoreszierende Flüssigkeit in eine strahlendweiße Gischt, die für einen Whiteout im White Cube des Galerieraums sorgte. Die nach Fichtennadeln riechenden Schaumwolken spielten nicht nur augenzwinkernd auf das puristische Ideal eines ›reinen Kunstgenusses‹ an, sondern deuteten mit ihrem Naturbezug auch auf romantischen Kunstkitsch hin. Beides wird als Illusion ausgewiesen, die Biehler permanent unterläuft: zum Beispiel durch die Geräusche der Luftpumpen und die unvermeidliche Rückverwandlung des Schaums in die grüne Lauge...

Aus: Weltzien, Friedrich und Scholz, Martin (Hrgs.). Die Sprachen des Materials. S. 119 - 140. Berlin: Reimer. 2016

Finke, Marcel. Aphrodite oder die Kunst der Schaumgeburt / 2014

Aphrodite oder die Kunst der Schaumgeburt - Seifenschaum als geschlechterkritisches Material


Vortrag im Rahmen der Vorlesungsreihe
»Stoff wechseln? Ein geschlechterkritischer Blick auf Material und Medium«
(Universität für angewandte Kunst Wien, 15. Mai 2014)

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Sykora, Katharina. Der gelüftete Saum der Fotografie. Aus: Klasse:Buch / 2014

Der gelüftete Saum der Fotografie

Vorhang, Purpurrot und Bühne sind Verbündete. Sie tauchen ihr Geheimnis in die schönste aller Farben und zeigen, dass es mehr gibt, als nur einen Raum. Als Medium, das Dies- und Jenseits trennt, gewinnen wir durch diesen Stoff, an dieser Schwelle, Hoffnung auf Offenbarung. Vorhang auf, und wir sehen, wie Unterscheidungen entstehen: zwischen hier und dort, Akteur und Zuschauer, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Im Theater und im Kino hat der Purpurvorhang seinen großen Einsatz. Er verheißt Ansichten von einem ‚anderen Leben‘, das die Alltagsrealität aussetzt und übersteigt. Nennen wir es Kunst.
Der knisternd rote Seidenunterrock Mammys in Vom Winde verweht hat sich in Christine Biehlers Foto eingeschlichen, nur ist er gigantisch aufgebläht. Die Koketterie, mit der Mammy den Rocksaum hebt, weicht hier einem stürmischen Auftritt des roten Vorhangs selbst. Von starken Strahlern durchleuchtet und von Windmaschinen angetrieben, weht er voluminös in den Zuschauerraum hinein bis in das Off, in dem wir uns befinden. Der Vorhang wird so zum gelüfteten Saum nicht nur der Bühne, sondern auch der Fotografie. Beide bringen Vervielfältigungen hervor und lassen mehr und mehr Vorhänge vor unseren Augen tanzen. Was die Bühnenmechanik sonst kontrolliert öffnet und schließt, gerät hier außer Rand und Band. Das entfesselt unsern Blick und wir meinen, bis in das Innerste der Bühne zu schauen, und erblicken: Nichts. Oder die Kunst des Da und Fort. Nennen wir es Fotografie.

Aus: Eißfeldt Dörte, HBK Braunschweig (Hg). Klasse.Buch - 64 Positionen aus der Klasse Eißfeldt 1991 - 2014, Kehrer Verlag 2014, S. 12

Wetzel, Tanja. Kunstunterricht als eine Frage der Haltung - Ein Interview / 2013

Interview mit Christine Biehler über ihre Lehrpraxis.

Aus: Wetzel, Tanja, Lenk, Sabine (Hrgs). Mit Ecken und Kanten. Kunstunterricht als eine Frage der Haltung. kopaed, München. 2013

Raab, Jürgen. Essen und Trinken A-Z: Eier / 2002

In Luis Bunuels surrealistischem Film "Le chien andalou" (1927) gibt es die berühmte Szene, in der ein Rasiermesser ein menschliches Auge durchtrennt, das sich dann während des Schnitts in ein auslaufendes Ei verwandelt. Diese brutale Vorführung der Empfindlichkeit, und Verletzlichkeit des Sinnesorgans in Verbindung mit der Zerbrechlichkeit des Hühnereies fand das damalige Kinopublikum ziemlich schockierend.
Variete- Illusionisten zeigen gerne Tricks mit Eiern, die unter Tüchern verschwinden und dann unverhofft vom Zauberer wieder ausgespuckt werden.
Daran kann man bei der Betrachtung von Christine Biehlers Videoskulpltur denken, die auf drei Monitoren die Performance “Einei” (1993) wiedergibt. Eine “elegant schwarzgekleidete Frau mit armlangen, hautengen rotten Gummihandschuhen” mischt sich unter eine Festgesellschaft und schiebt “unvermittelt einen weißen runden Gegenstand aus ihren rotgeschminkten Lippen”, lässt ihn “danach wieder in ihrem Mund verschwinden”. Bei näheren Hinsehen entpuppt sich dieser weiße Gegenstand als hartgekochtes und geschältes Ei, das von der Akteurin “mal unendlich vorsichtig und langsam, mal nervös zuckend in verschiedenen Rhythmen hin und hergeschoben und wieder eingesaugt" wird.
Diese Vorführung von Einverleibung und Ausspeien hat natürlich einen eindeutigen erotischen Charakter. Einerseits ist die Performance als eine auf den unimittelbaren theatralischen Ausdruck zielende Körperaktion zu beschreiben. Die visuelle Inszenierung hat einen aktionistischen Selbstzweck. Andererseits drängt sich aber auch die Deutung auf, es handele sich um die Vorführung tiefenpsychologischer und mythologischer Bedeutungen, die sich mit "Ei" assoziieren lassen: Die weibliche Eizelle und die Eihülle bei den Brütern im Tierreich als Ursprung des Lebens (s. hierzu auch Interview mit Daniel Spoerri).

lm Vordergrund steht die dramaturgische Wirkung des Farbkontrasts rote Lippen weißes Ei. In der medialen Nahaufnahme dominieren Farbe und Hautstruktur der geöffneten Mundpartie über die Form, dasVolumen und die Konsistenz des Hühnereis Video und Foto konstituieren somit eine eigene Bildwirklichkeit gegenüber der realen Aktion.(...)

Aus: Essen und Trinken A-Z: Eier. 2002
Kunstforum International. Bd. 160. Ruppichteroth 2002, S.148-149

 

Walentiny, Christine. Play the ape - ein Interview / 2002

In: Open house. (Kat.). Hg.: Casino Luxembourg. Luxembourg, 2002

Kwastek, Heidi. Christine Biehler "so hoch da droben” / 2001

Ich habe meine frühe Kindheit in einer Brikettfabrik im rheinischen Braunkohlegebiet verbracht. Unsere Spielplätze waren die Fabrik, die Kohlengrube und die aufgeforsteten Abraumhalden. Sonntags gingen wir oft mit unserem Großvater spazieren und sangen. Sobald wir die Abraumhalden erreicht hatten, stimmte mein Großvater das Lied an: " Wer hat dich du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben". Ich war stolz, denn ich wusste, wer diesen Wald so hoch da droben aufgebaut hatte: Mein Opa, denn er war der Steiger in der Fabrik. Das dieser Wald ein künstlicher Wald war und Eichendorff diesen Wald sicher nicht gemeint hat, als er dieses Lied schrieb, war mir natürlich nicht klar. Wir lebten in dieser künstlichen Natur und kannten nichts anderes. Was hat das mit der Rauminstallation von Christine Biehter zu tun? Gar nichts und doch sehr viel. Schon durch den Titel der Ausstellung "So hoch da droben" werden Erinnerungen wach, Empfindungen, Weiten, die in der Vergangenheit verschwunden zu sein scheinen. (...)

Eröffnungsrede zur Ausstellung im Cuxhavener Kunstverein, 2001

Balkenhol, Bernhard. Aus: ZIPP – Ein Sommer im Reißverschluss / 2002

(...) Dieser bunten, in "technische Kälte" verwandelten Malerei fügt Christine Biehler die tatsächliche Kälte hinzu. Deep Freeze ist eine Installation aus einer über drei Meter hohen Eiskugel mit einer Temperatur von minus achtzehn Grad, die sich an einem der Pfeiler gefangen hat. Licht bringt den dünnen Reif zum Gleißen und lässt ein großes Weiß entstehen. Gegenüber ist ein Hügel, eine flache Tribüne aus Europaletten aufgebaut, auf der sich die Besucher niederlassen können, das "Naturereignis" zu betrachten, eine Szenerie, wie sie Caspar David Friedrich in seinen Bildern als Metapher für ein romantisches Weltbild nutzte. So sehr die Kälte und die Dimensionen alle Sinne ansprechen und überwältigen sollen, so sehr baut Biehler einen erweiterten Kontext ein, der sich im zweiten Blick vermittelt. Auf der Rückseite der Kugel, wo die vereisten Kühlschläuche sich sammeln und auf dem Boden hinaus zu dem laut arbeitenden Kühlaggregat führen, wird deutlich, dass es sich hier um eine Art offenen Kühlschrank handelt, der unablässig und mit sehr viel Energie das Eis die Illusion der Eiskugel erzeugt. Die Ingenieurleistung korrigiert die Faszination über Größe und Reinheit der Eiskugel, irritiert Erinnerungen an Schneeballschlachten und Naturschauspiel und fasziniert auf ihre Weise. Fast jeder Besucher musste das Eis anfassen, um es zu glauben, und bewunderte umso mehr die außerordentliche Pracht der Kristalle. Selbst die Farben der Bilder von Zimmermann ringsherum wirkten kühler. Biehlers Installationen sind poeti sche Räume als begehbare Bilder, die ihre Erzählung in erster Linie über das sinnliche Erlebnis entwickeln, deren Material sich aber dann in eine Metapher wendet. Die Faszination riecht plötzlich nach Attrappe und Arbeit, das Naturschauspiel verliert Glykol und fragt ängstlich nach der möglichen Katastrophe.

In: Sonderheft ‚Zipp’ - Friedericianum Magazin Nr. 9/2002

 

 

Cordes, Ilse. Zwischen “Brüchigkeit” und Poesie / 2001

 

Cuxhavener Nachrichten, 2. Oktober 2001

Balkenhol, Bernhard. Aus: Romantische Strategien – das Gefühl vom Gefühl / 2000

(...) Das Gefühl vom Gefühl, diese romantische Strategie muss auch ihre eigene ästhetische Dimension haben. Und Christine Biehler arbeitet damit. Sie achtet darauf, dass alle Momente der Wahrnehmung und Sinnkonstruktion Material werden und körperlich erfahrbar sind - unabhängig voneinander, gleichsam "einsam". Dieses Verfahren macht die künstlerische Arbeit und den Betrachter in gleichem Maße aktiv, ohne sie miteinander im ,Verstanden!' oder im ,DerKünstlerwollteunsdamitsagen' zu vermischen oder ineinander aufzulösen.(...)

In: Copyright Nr. 3. “Romantische Strategien“. (Hg) copyright Projektbüro. Berlin, 2000

Zitko, Hans. Reinheit und Verunreinigung. Zu neueren Installationen von Christine Biehler / 2000

"Kein Ursprung, außer im Leben des Ephemeren". - Dieser für die Ästhetik Adornos programmatische Satz trifft ein entscheidendes Element in einer Reihe von Installationen der Bildhauerin Christine Biehler. Nicht die statische, unveränderliche Form, sondern das Vorübergehende bestimmter Prozesse oder Erscheinungen fesselt in diesem Kontext ihr künstlerisches Denken. Grundsätzlich ortsbezogen konzipiert, haben diese Installationen eine zeitlich limitierte, von der Ausstellungsdauer bestimmte Existenz; nur in der Erinnerung oder in dokumentierenden Fotographien führen sie ein Weiterleben.(...)

In: Christine Biehler. Installationen 1996-2000. Frankfurt 2000

 

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Baer-Bogenschütz, Dorothee. Christine Biehler / 2000

Christine Biehler liebt alles, was schön ist, und weiß um seine Vergänglichkeit. Im Kunstkontext präsentiert sie flüchtige Verheißungen wie Seifenschaum, Götterspeise und Zuckerwatte. Daraus schafft sie Rauminstallationen mit Mysteriencharakter. Prozessuale Skulpturen nennt die Künstlerin ihre Arbeiten mit hochempfindlichen Stoffen und wechselndem Erscheinungsbild. Sobald die Seifenblasen platzen, ist auch der Eindruck des Kostbaren dahin. Die verwendeten Substanzen zerfallen, verschimmeln, verhärten oder nehmen "Ekelfarben" an. "Vanitaserfahrungen werden auf diese Weise geweckt", sagt Biehler.

Hat sie mit ihren sprudelnden BadeschaumInstallationen einst Reinigungsrituale unter dem Signum genießerischer Körperpflege thematisiert, so kitzelt das Zuckerwattewerk "a round a bout", das sie für das Forum der Frankfurter Sparkasse konzipierte, zunächst die Geschmacksnerven und aktiviert positive Kindheitserinnerungen. Nicht lange jedoch dauert es, da tritt die Ambivalenz des Materials in Erscheinung. Biehlers spinnwebartige Raumzeichnungen mit Zuckerwatte sind nicht mehr strahlend weiß, sondern verfärben sich grünlich und gelblich, und am Ende so spekuliert die KünstJerin "setzen sich vielleicht die Fliegen drauf". Das Wunder des Moments hält der Wirklichkeit nicht lange stand. "Ich inszeniere Faszination, die Enttäuschung beinhalten kann", erklärt Biehler.

Aus: Textbanderole für: Christine Biehler. Installationen 1996-2000. (Kat.)

Fassbinder, Horant. Zu Christine Biehlers Arbeit / 2000

Die Künstlerin setzt sich in ihrem Werk auf faszinierende Weise auseinander mit tabuisierten Bereichen menschlicher Existenz wie Erotik und Aggression, Fleischlichkeit und Ekel, Tod und Vergänglichkeit.

Diese Auseinandersetzung findet nicht statt mit dem Zeigefinger oder gar jener sattsam bekannten Holzhammermethode, die sofort Gegenreaktionen in uns hervorruft. Ganz im Gegenteil. Mit von Arbeit zu Arbeit durchaus unterschiedlichen Methoden wie Schönheit und Verführung, Witz, Ironie oder theatralischem Aplomb holt die Künstlerin uns ab und lässt uns dann eher langsam und behutsam eine Reise ins eigene Innere antreten, in der wir ganz allmählich in die Lage versetzt werden, jene tabuisierten und verdrängten Bereiche in uns selbst zu spüren, sie auszuhalten, sie anzunehmen - und vielleicht die Stereotypen in Frage zu stellen, mit denen wir diesen Seiten unserer Existenz zu begegnen pflegen.

Bei allen ihren Arbeiten ist Christine Biehler voller Erfindung. Das Neue besteht nicht nur in der Verwendung normalerweise verpönter und kunstferner Materialien wie Schaum und Zuckerwatte, Seife oder Bierdosen. Es besteht weit mehr noch in der Wahl der Themen. Immer wieder konfrontiert uns Christine Biehler mit unseren eigenen Mythen von Reinheit, Schönheit, Transzendenz - und deren Antipoden: Schmutz, Hässlichkeit und Immanenz. Und indem sie uns diesen lustvoll begegnen lässt, begreifen wir zugleich etwas von den Beschränkungen, die uns diese Mythen auferlegen, von den "Waschzwängen", den "Schönheitsoperationen", "Selbstnegationen", Verdrängungen, Wirklichkeitsfiltern und - verzerrungen, denen wir uns täglich unterwerfen.

In dieser Erweiterung des thematischen Feldes der Kunst, in diesem kathartischen Bearbeiten von Tabus, Ängsten und Sehnsüchten besteht Christine Biehlers große und wichtige Leistung.

Formal sind Christine Biehlers Arbeiten stets von äußerster Perfektion und Präzision. Man spürt sofort den langen und intensiven Prozess künstlerischer Arbeit und Erfahrung, die Reife und Professionalität, die hinter jedem einzelnen Werk steht. Man spürt die Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen und manchmal auch der vergangenen Kunst.
Aber auch dabei spielt ein GLEICHZEITIG irdisch-körperlicher UND intellektueller Zugang zur Realität immer eine Rolle.

Der abgehobenen, idealischen Ästhetik wird der Spiegel einer conditio humana vorgehalten, in der Geist und Körper in unendlicher Verschränkung einander wechselseitig bedingen.
(...)





Jonas-Edel, Justus. Heimatlager (serve cool) / 1997

In: Christine Biehler. Heimatlager (serve cool). (Kat.) Hg.: Kunstverein Braunschweig. Braunschweig,1997. S. 5-6

Jasper, Martin. Tiefgefrorene Sehnsucht. Christine Biehlers"Heimatlager" in der Studiogalerie / 1997

Es muß kalt gewesen sein, stellen wir uns vor, und einsam und vielleicht graugrüne Dämmerung, als eine junge Künstlerin irgendwo in einem unwirtlichen schottischen Dorf eine Dose "Heimatlager" Bier entdeckte. Die Dose steht jetzt neben anderen in einem Nebenraum der Studiogalerie beim Braunschweiger Kunstverein geschmückt mit winzigen Bäumchen und Bänkchen. Kalt, einsam und dämmrig wirkt auch die Galerie selbst. (...)

Braunschweiger Zeitung, 19.11.1997

Peters, Ralf. Und das Innen wölbt sich nach Außen / 1996

Christine Biehlers Arbeiten behandeln in verschiedener Form die „Abgründe“ eigener Intimität und ihre Konfrontation mit einer Öffentlichkeit. Mit Video- und Objektinstallationen, Fotoarbeiten und Performances setzt sie ihren Körper und Körperliches in Szene, veröffentlicht dabei sexuelle Visionen, Obsessionen und Tabus.
Es sind immer wieder Flüssigkeiten, Schleime, Haarbüschel und Fell, mithin formlose Substanzen, die sie sich selbst einverleibt oder zur Einverleibung bereitstellt. Das Moment des Ekels und Schauderns verschmilzt dabei mit dem Empfinden einer lustvollen Faszination.
Zum Beispiel eine präzise konstruierte Wanne, gefüllt mit leuchtendroter Götterspeise steht in einem leeren Raum, beleuchtet von einer einzigen Glühbirne. Erst bei nahem Hinschauen entdeckt der Betrachter die Haare, die in der Gallertmasse treiben und am Gefäßrand kleben. Oder ein Video, das die Künstlerin zeigt, wie sie eine Treppe ableckt, begleitet von Befehlen wie „...PUTZEN, KOTZEN, SITZEN...“. Ihre Arbeiten widmen sich Grenzthemen, die selbst der privaten Reflexion des Einzelnen meist verborgen bleiben und enttabuisieren sie damit. Erotik, Gewalt, Pathos und sexuelle Identität werden von ihr auf höchst ambivalente und sensible Weise inszeniert.

In: Fall Out. (Kat.). Hg.: wacker Kunst. Mühltal, 1996 S. 22 –23

Heinrich, Claudia. Ereignisstation: Toilettenraum / 1996

In: Der HELIX-HOCHBAU- Ereignisse zum erweiterten Kunstbegriff. (Kat.). Kunsthaus Essen. Essen 1996

Winter, Marianne. Körper hautnah zwischen Eros und Agression / 1996

Christine Biehlers Weg zum Kunstmarkt ist unpopulär, schwer verkäuflich, schwerverdaulich und kostspielig. Daß die junge Frau dennoch so verfährt, zeugt von Obsession und Wahrhaftigkeit. Ihr Thema ist die Welt zwischen Eros und Aggression...

Braunschweiger Zeitung, 12.6.1996

Schmidt, Hans M.. Standortbestimmung / 1994

In: Kunst. Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung (Kat.). Hg.: Galerie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn, 1994

Brück, Matthias. Aus: Villa Streccius selten so stark bevölkert / 1993

Sie wäre schon eine (Bade ) Sünde wert, die Keramikbadewanne von Christine Biehler, gefüllt mit himbeer süßer Gelatine, trohnt sie regelrecht auf zwei mächtigen Holzbalken; rein allerdings kommt man nicht, versperrt doch eine Acrylglasplatte den verlockenden Einstieg. Hier könnte Cleopatra ihren hygieni
schen Gelüsten gefrönt haben, hätte sie nicht soweit überliefert Eselsmilch als FüIlung bevorzugt. Köstlicher Ekel beschleicht einem, und dieses paradoxe Empfinden ist meines Erachtens gelungener Bestandteil dieser Rauminstallation.

Würde , weihevoll hängt ein Kronleuchter über dem Hygienezentrum besonderer Art, während an den Wänden ringsum prächtige Farbfotos eine wunderschöne galertartige, blasig pulsierende Masse erkennen lassen, die man erst auf Nachfrage als Schimmelrückstand einer früheren Performance zu identifizieren weiß. Geschickt, bis auf die Spitze getrieben jongliert Christine Biehler hier mit zwei sich üblicherweise ausschließenden Empfindungspotentialen: Klebrigkeit Sauberkeit, Würde-Kitsch, Schönheit Verwesung.

Ähnlich doppelbödig geriert sie selbst in der eingangs aufgehängten Video Installation "Nichts geht verloren".Auf dem Boden liegend, acht Minuten lang robbend, schleckt sie in fast peinlicher Pedanterie die Fliesen sauber. Assoziationen zwischen menschenunwürdiger Deklassierung und einem hyperästhetisierten reinen Bewegungsablauf konkurrieren unauflösbar miteinander. Weitere Arbeiten, wie "Textkörper", ein Wandobjekt aus Korrekturbändern von elektrischen Schreibmaschinen, 14 Briefkästen mit sieben Walkmen plus laufenden Endloscassettenbändern ("Psst"), aus denen leise Wortabfall von Korrekturbändem zu hören ist, illustrieren ähnlich den verblüffenden transformatorischen Umgang mit sogenannten Realitäten in wechselnden Kontexten. Erforschenswert.

Die Rheinpfalz, 25.1.1993