1997. Raum/Videoinstallation. Kunstverein Braunschweig. Geweißte Fensterscheiben, wandgroße Videoprojektion an der Stirnwand, Sound. Skulpturen aus Kühl/Gefrierkombinationen. Modellbaugebirge, Stroboskoplicht


Ein flatternder Blechvogel, der in einer wandgroßen Projektion immer wieder zu Boden stürzt, umgebaute Kühlschränke im kühlen Raum – es wird Bier namens HeimatLager verkauft.

1997. Raum/Videoinstallation. Kunstverein Braunschweig. Geweißte Fensterscheiben, wandgroße Videoprojektion an der Stirnwand, Sound. Skulpturen aus Kühl/Gefrierkombinationen. Modellbaugebirge, Stroboskoplicht

 

Ein schwacher Lichtschimmer dringt durch scheinbar bereits völlig mit Eis überzogene Fensterscheiben nach draußen und verheißt Zuflucht vor den ersten kalten Frostnächten des Jahres. Wer den Ausstellungsraum betritt, trifft zunächst auf drei wie zufällig abgestellte Truhen - ausgediente Kühlschränke, die - wie sich an unverkennbaren Details herausstellt - “ausgewaidet” und umgebaut, auf je verschiedene Weise ihr Innenleben preisgeben. Eine leise Unruhe breitet sich im Raum aus. Aus der ersten, allseitig verschlossenen Truhe dringt gurgelndes Wassergeräusch, eine zweite kleinere sendet nervös flackerndes Stroboskoplicht in den Raum. Durch einen aufgestellten gläsernen Einlegeboden hindurch erkennt man schemenhaft einen feuerroten Spielzeughund, der an einen ebenfalls roten Schlauch angeschlossen ist: Signallampe, Intensivstation? Ein Krankenlager. Im letzten Kühlschrank, einem Sarkophag ähnlich, hat sich inmitten des freigelegten Isoliermaterials eine Modellbau-Gebirgslandschaft eingenistet. Mit Hartschaum grob verschmiert, dem gleichen, in Sekundenschnelle erstarrenden gelb-bräunlichen Stoff, der sich üblicherweise in Ritzen und Hohlräumen verbirgt.

Plötzlich zerreißt ein farbiger Flügelschlag das Halbdunkel. Ein Spielzeugvogel aus Blech, im Videobild monumental vergrößert, flattert unter wehleidigen Quietschgeräuschen scheinbar verwirrt und ziellos kreuz und quer. Als bunter Paradies- oder Mythenvogel Phoenix zieht er verzweifelt seine Kreise auf der Suche nach Ausflucht oder Unterschlupf.

Christine Biehler hat ihre Installation - die tatsächliche Bezeichnung einer englischen Biersorte aufgreifend - “Heimatlager” genannt. Der Titel klingt so vertraulich wie der Begriff Heimat, und doch wird man im Wörterbuch vergeblich danach suchen. Der Duden kennt die schillernsten Wortverbindungen: Heimaterde, Heimatkunde, Heimathafen, Heimatstaat, Heimatfest, Heimatlose, Heimatvertriebene, nicht zu vergessen: Heimatkunst, Heimatmuseum und Heimatfilm. Erst recht die zahlreichen Wortschöpfungen auf heim: heimkehren, heimleuchten, heimgehen, heimsuchen, heimzahlen, heimelig, unheimlich, Heimweh oder Heimtücke. Andere Assoziationsfelder weckt der Begriff “Lager”, meist im unguten Sinne. In Vergessenheit geraten scheint die angenehme romantische Vorstellung des “Sich-Lagerns” unter freiem Himmel in idyllischer Natur. Unwillkürlich denkt man stattdessen an Enge, Zusammengepferchtsein und landet gedanklich bei Notunterkunft, Lazarett, Gefangenen- und nicht zuletzt Konzentrationslager. Der Begriff “Lager” hat im Deutschen außer im dinglichen Bereich seine Neutralität eingebüßt und jeden positiven Klang verloren. So betrachtet meint er nachgerade das Gegenteil von Heim, Herd und Behütetheit. Die Kombination aus “Heimat” und “Lager” dagegen existiert wohl nur als doppeldeutig-skurriler Name eines Brauereiprodukts.

Christine Biehler gelingt es mit ihrer Arbeit in das Spannungsfeld um Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit auf der einen und ihren Abgründen und Klischees auf der anderen Seite hineinzustoßen. Der Vogel, der sein Nest sucht, der Wanderer mit Koffer, der kranke Hund, die Modellbaulandschaft im Miniaturformat, kleine Heimaten, Refugien der Hobbybastler oder aus längst vergessenen Kindertagen. Schließlich: der Kühlschrank als Ort der Nahrung, als Speiselager. Gestalterisch kehrt Christine Biehler Inneres nach Außen, macht Prozesse sichtbar, verfremdet, stülpt um, geht den Dingen auf den Grund. ... Sie setzt harte gegen weiche, kalte gegen warme, organische gegen künstliche Stoffe und sie spielt mit extremen Größenrelationen, bei denen immer wieder das existentielle Bedürfnis nach Verortung und der Wunsch eines jeden Menschen zum Vorschein tritt, seinen Platz in der Welt zu finden.

 

 

(Justus Jonas, ehem. Leiter des Kunstverein Braunschweig)

1997. Raum/Videoinstallation. Kunstverein Braunschweig. Geweißte Fensterscheiben, wandgroße Videoprojektion an der Stirnwand, Sound. Skulpturen aus Kühl/Gefrierkombinationen. Modellbaugebirge, Stroboskoplicht

 

Christine Biehlers"Heimatlager" in der Studiogalerie. Tiefgefrorene Sehnsucht

Es muß kalt gewesen sein, stellen wir uns vor, und einsam und vielleicht graugrüne Dämmerung, als eine junge Künstlerin irgendwo in einem unwirtlichen schottischen Dorf eine Dose "Heimatlager" Bier entdeckte. Die Dose steht jetzt neben anderen in einem Nebenraum der Studiogalerie beim Braunschweiger Kunstverein geschmückt mit winzigen Bäumchen und Bänkchen. Kalt, einsam und dämmrig wirkt auch die Galerie selbst. Christine Biehler  so heißt die Künstlerin   hat sich von der schottischen Dose zu einer Installation inspirieren lassen. Genauer: Vom Namen des Biers, von der für deutsche Ohren einesteils heimelig sehnsuchtsvollen, anderenteils unheimlich zwangbesetzten Aura dieser Wortschöpfung eines ahnungslosen britischen Brauers.Zu sehen sind drei Kühlschränke. In den einen kann man durch ein Gitter hineinschauen wie in einen Käfig. Darin wie auf einer Modelleisenbahn eine gipseme Gebirgsland aber nur in wenigen Flecken noch grün, ansonsten in schmuddeligem Grau. Darauf eine kleine Frauenpuppe mit Koffer. Allein unterwegs in ödem Gestein. Über ihr an der Wand als Videoprojektion ein Spielzeugvogel, der mit kunterbuntem Geflatter und blechernem Geschrei seinen Käfig zu suchen oder zu fliehen scheint.In den zweiten Kühlschrank schaut man durch eine matte Glasscheibe. Die Umrisse eines rosa Spielzeugtierchens sind schemen¬haft auszumachen wie Verheißungen einer verlorenen Kuschel Idylle. Der dritte Eisschrank schließlich trutzt wie ein anonymer Wohnblock verschlossen im Raum. Doch heraus klingt Wassergeplätscher.Eine Installation, die mit ihrer kargen Künstlichkeit, in der die scheinbar naturhaften Elemente bloß Arte¬fakte sind, Geborgenheit unerreichbar ist, frösteln macht. Künstlerische Momentaufnahme der Einsamkeit in  unwirtlicher Welt. Und trotz der abweisenden Lakonie ist hier eine tiefgefrorene Sehnsucht zu spüren  nach Heimat.

(Martin Jasper, In: Braunschweiger Zeitung, 19.11.1997)