1999. Rauminstallation Kunstverein Essenheim. 9 alte Tische unterschiedlicher Größe und Materialität. Stellfläche: 4m x 4m. Fichtennadelschaumbad (grün), Pumpen

 



Die verlassenen Tische im Sitzungssaal der Gemeinde entfalten ein lautstarkes Eigenleben. Sie scheinen zu arbeiten - „bergauf“ ist die Devise und werden zu Sockeln von sich langsam aufbauenden Seifenschaumskulpturen: „Wolkenberge auf vier Beinen“.

1999. Rauminstallation Kunstverein Essenheim. 9 alte Tische unterschiedlicher Größe und Materialität. Stellfläche: 4m x 4m. Fichtennadelschaumbad (grün), Pumpen




Ein Ort wird verwandelt: es tropft, brummt und duftet im Sitzungssaal der Gemeinde.

Aus kleinen Öffnungen in den Tischplatten der in der Mitte des Raumes im Karée gestellten alten Tische dringt mittels unsichtbar plazierter Pumpen Luft in Seifenwasserlachen und läßt leicht bewegende, stets wachsende und sich verändernde Gebilde aus Schaum Gestalt werden. Die Tische werden zu Sockeln von sich langsam aufbauenden, die Tischplatte überfließenden Seifenschaumskulpturen.

Dabei entstehen - durch spezielle Beleuchtung in Szene gesetzt - „Wolkenberge auf vier Beinen“, die an einem Bild arbeiten, das sich einerseits romantischen Naturvorstellungen nähert,  zum anderen die Funktion des Raumes als öffentlichen Versammlungs- und Plenumsort thematisiert.

Steinwände, Parkettfußboden, braune Holzdecke - die Innenarchitektur des Ratsaals in Essenheim ist geprägt von Naturmaterialien und spiegelt das erdverbundende, naturnahe Selbstverständnis des Ortes. Die verschiedenen benutzten Tische fügen sich in ihrer Materialität gut ein und bilden durch die wachsenden floralen Formen und ihrer regelmäßigen Anordnung im Raum eine Art Skulpturengarten, der durch die Verwendung von penetrant nach synthetischen Duftstoffen riechenden, strahlend weißem Seifenschaum surreal gebrochen wird.

In dem Kontext des Versammlungssaals entfaltet sich darüberhinaus einen weiterer spezifischer Bedeutungshorizont:
An Tischen beratschlagen sich Menschen und tauschen sich aus. Nun sind die Kommunikationspartner weggegangen, die Gesprächsrunden aufgelöst. Zurück bleiben Tische mit Erinnerungen, schweigende Zuhörer, die nun beginnen ihr lautstarkes, seltsames Eigenleben zu entfalten:
Sie scheinen zu arbeiten - „bergauf“ ist die Devise - und sich dabei von den Tagesvorkommnissen zu reinigen. Im kathartischen Prozess „speien“ sie die Alltagsgeschäfte aus und transformieren sie in jungfräulich reines Weiß: luftige “Kunstfiguren“ wölben sich auf, die eher in der Sphäre des Traums angesiedelt sind.


Die prozessualen Skulpturen, die sich in und mit der Zeit entfalten und verändern, fallen am Abend, wenn die Luftzufuhr  unterhalb der Tischplatte ausgestellt ist, wieder in sich zusammen.



1999. Rauminstallation Kunstverein Essenheim. 9 alte Tische unterschiedlicher Größe und Materialität. Stellfläche: 4m x 4m. Fichtennadelschaumbad (grün), Pumpen

 

Es riecht, brummt, wabert.
Installation "bergauf' interpretiert Essenheimer Ratssaal einmal anders


Die Besucher betreten das Rathaus. Es riecht nach Seifenlauge. Nicht stechend, nicht scharf; eher angenehm frisch, trotzdem künstlich. Im Ratssaal türmen sich Berge von Seifenschaum auf neun Tischen. An manchen stehen Schubladen auf. Auch dort sitzt der Seifenschaum. Es brummt.
“Die Skulpturen nehmen sich Raum”, erklärt die Künstlerin. Sie wachsen und verändern sich stetig. Zunächst bergauf. Kleine Pumpen, es brummt, unter den den alten Tischen blasen Luft in Seifenlaugenlagen, es riecht. Nach einiger Zeit laufen die Schaumskulpturen über die Tischränder. Sie züngeln zum Boden oder fallen herunter. Fällt ein weiterer Fetzen ab, beginnt ein neues Bergauf. Eine neue Skulptur entsteht am Boden. Auch ihre Basis ist eine Pfütze aus grünlich schimmerndem Seifenwasser.

Alles in Veränderung: Auf den Tischen entsteht eine bizarre Landschaft aus wogenden, wabernden Bergen. Manche durchsichtig, andere weiß, wieder andere schimmern grün. Die Seifenlauge bringt sich in Erinnerung. Einige entwickeln eine grüne Haut. Die Seifenblasen zerplatzen an der Oberfläche und werden tröpfchenweise zu dem, was sie einst waren. Grünes Seifenwasser. Alles verändert sich im Raum. Die Skulpturen sich selbst, der Raum durch die Skulpturen, die Skulpturen durch das Licht, das Publikum durch die lnstallation, denn jeder neue Blickwinkel bringt ein neues Bild, und das Publikum verändert die Skulpturen.
Der Luftzug eines hastig vorbeigehenden Betrachters läßt einen Schaumberg vor der Zeit zu Boden stürzen, und mancher Besucher kann nicht widerstehen und nimmt sich eine Handvoll Schaum.
(...) Die grünlich weißen Berge lassen romantische Assoziationen zu: Gebirgslandschaft oder Wolkenberge. Das paßt zu den natürlichen Materialien, mit denen der Saal gebaut ist. Der künstliche Seifengeruch und das Brummen der Pumpen bricht dieses Bild aber sofort. Die alten Tische sieht die Künstlerin als Erinnerung an die Debatten, die im Ratssaal geführt wurden. Diese seien dem "bergauf' der Gemeinde gewidmet. Jetzt seien die Debattierenden gegangen und die Tische gäben von sich, was sie erfahren haben, erklärt Christine Biehler. Sie befreiten sich in einem Reinigungsprozeß von Erlebtem. Ein Ratssaal sei auch ein Ort der "Schaumschlägerei", schlägt ein Besucher eine andere Interpretation vor. Auch eine interessante Sicht der Dinge.

(Gernot Zerwas. Allgemeine Zeitung. 2.3.1999)