1999. Rauminstallation. Schloß Waldthausen, Mainz. Kronleuchter, Höhe: 8 Meter. Bodenfläche der Installation: ca. 15 Meter x 5 Meter. 3 km Filamentklebeband

 

Die riesigen Kronleuchter des Schlosssaals in der Sparkassenakademie sind mit schimmerndem Filamentklebeband kunstvoll eingesponnen. Es findet am Boden und an der Decke seinen Halt.

1999. Rauminstallation. Schloß Waldthausen, Mainz. Kronleuchter, Höhe: 8 Meter. Bodenfläche der Installation: ca. 15 Meter x 5 Meter. 3 km Filamentklebeband

 

Die temporäre Installation im großen Festsaal des Schloß Waldthausen geht inhaltlich und konkret von den drei großen Kronleuchtern inmitten des Saales aus, die über ihr Volumen und den Glanz ihrer aufgefädelten Kristalle den Durchgangsraum gemeinhin visuell dominieren.

Sie bilden nun das Zentrum dreier raumhohen „Türme“ aus Filamentband, die die Leuchter einschließen, verkleben und dabei teilweise verhüllen. Fingerdicke Klebestreifen spannen sich vom Parkett ausgehend an den Messingringen der Leuchter haftend in kegel- und zylinderförmigen halbtransparenten Körpern nach oben und finden mit ihrer Klebeseite Halt an der Decke. Die über das Metallgerüst der Leuchter gezogenen Bänder mit den streifenförmig eingearbeiteten Glasfasern scheinen, selbst glänzend, den Fall der Lichtstrahlen zu visualisieren und die Streuung des Lichtes nachzuvollziehen. Die dabei entstehende ineinander verschachtelte geometrische Zeichnung gewinnt je nach Sonnenlichteinfall und Helligkeit der Lüster an Materialität oder an Glanz.

Die leichten und transparenten Gebilde, die fast ausschließlich aus Luft bestehen und mit geringer Masse große, 8 Meter hohe Körper umschreiben und Volumen entwickeln, sind trotz ihrer Monumentalität und raumgreifenden Geste filigran und verletzlich. Es sind Skulpturen, bzw. Raumzeichnungen aus einem plastischen „Nichtmaterial“: profanes Verpackungsmittel, zu finden in der Büroschublade, unscheinbar und unwert, vertraut im Kontext des Schlosses als Ausbildungsstätte für Sparkassenangestellte, fremd als künstlerisches Material im feinen Schlosssaal. Klebrig wie Fliegenfallen, bei einem Luftzug leicht vibrierend wie Spinnennetze, wird das mit einem Billigprodukt eingesponnen, was innerhalb eines bourgoisen oder adeligen Ambientes glänzenden Reichtum repräsentiert: die Kristalllüster. Das „corporate rokoko“ des Gebäudes ist - auch im Verweis auf die Säulenarchitektur des Saales - aufgegriffen und in formaler Beschränkung auf ein einziges Material elegant erweitert. Entstanden sind Spielfiguren im „Schach der Riesen“, die als „towers of the system“ auch als Zustandbeschreibung eines Systems gelesen werden können: die Hierarchien einer Institution - vielleicht durchlässig, vielleicht straff gespannt - das Miteinander und Nebeneinander, ein ständiges networking.

Wenn Kunst auch schon immer ihren Glanz zur Dekoration der Macht lieferte, so tut sie das auch hier im wortwörtlichen Sinne. Hier erwirkt sie mehr als das, vielleicht als klebriger Störenfried, vielleicht, indem sie Gewohntes verwandelt und verzaubert - ‘Tours’ wird als unübersehbares stolzes Gespinst eine zeitlang Interaktion und Wege im Saal mitbestimmen.

1999. Rauminstallation. Schloß Waldthausen, Mainz. Kronleuchter, Höhe: 8 Meter. Bodenfläche der Installation: ca. 15 Meter x 5 Meter. 3 km Filamentklebeband

 

.. wurde Christine Biehler eingeladen, für die Halle des Schlosses eine Rauminstallation zu schaffen Herausgekommen ist ein durch die Schlichtheit der Konzeption provozierendes, in seiner ästhetischen Wirkung ansprechendes Kunstwerk: Christine Biehler hat die drei den Raum dominierenden Kronleuchter durch mehrere Lagen von weißen, schimmernden Klebebändern, die von der Decke bis zum Boden reichen, verhüllt und zugeklebt, andererseits aber ihre Präsenz durch den sich nach unten erweiternden Radius verstärkt.

(Mainzer Allgemeine Zeitung 6.11.99 (uk))

 

 Bis zur letzten Minute arbeitete Christine Biehler an ihrer Raunlinstallation, die seit gestern Abend die Halle von Waldthausen in einen Ballsaal verwandelt, in dem die Kunst die Röcke schwingt und tanzen geht.Die Künstlerin hat die drei mächtigen Kronleuchter eingekleidet in ein Gewand aus schimmernden weißen Streifen, die von der Decke bis zum Boden reichen. Am Tag spielt die Sonne in den Bändern, in der Nacht werden sie von innen effektvoll erleuchtet. "Tours" ‑"Türme" nennt Christine Biehler ihre faszinierende Rauminstallation.Die in Landau geborene Künstlerin, die in Frankfurt lebt, hat sich vor kurzem im Kunstverein Essenheim mit Schaumtischen vorgestellt. "Ich arbeite gern mit Material, das per se kein Volumen hat", sagt sie.Diesmal hat sie drei Kilometer weißes Klebeband wie es für das Verschnüren von Paketen verwendet wird, in einen Körper verwandelt, der monumental ist und zugleich von transparenter Leichtigkeit. "Ich wollte nicht gegen den Raum anklotzen und nicht mit den großen Kronleuchtern konkurrieren", sagt sie. So wurden die drei Kristalllüster zum Zentrum der Skulpturen.Christine Biehler ist gespannt auf die Assoziationen, die Besucher entwickeln werden. Wie riesenhafte Medusen können sie einem erscheinen....Christine Biehler zeigt, wie Kunst Verwandlung möglich macht. 

 

(Stefanie Mittenzwei Mainzer Rhein-Zeitung, 4.11.1999)