1998. Rauminstallation. Hafermagazin Landau. Folienbecken 18,5 x 13,5 m, Schaumbad, Silikon, Membranpumpen, Plastikschläuche

 

Der Putz des Aufzughäuschens inmitten der ehemaligen Militärwäscherei wurde abgeschält. Der Kubus steht rot glänzend und laut dröhnend im ‘Schaummeer’ des gefluteten Raumes.

1998. Rauminstallation. Hafermagazin Landau. Folienbecken 18,5 x 13,5 m, Schaumbad, Silikon, Membranpumpen, Plastikschläuche

 

Ein dumpfes Dröhnen und der Geruch von Seife liegen in der Luft. Betritt man die dunkle, in grauem Stahlbeton errichtete Halle, wird die Aufmerksamkeit zur Raummitte hin gelenkt: ein hell erleuchtetes Feld, das in seinen Außenmaßen die Proportionen des Raumes aufnimmt, hebt sich wie eine fremde Insel vom Umraum ab. Blütenweißer Schaum bildet dort, in einem niedrigen Becken an den Rändern überfließend, ein kniehohes, täglich variierendes, sich leicht bewegendes Bodenrelief. Der Schaum ist ein flüchtiges und spielerisches, nur eingeschränkt kontrollierbares, wucherndes skulpturales Material, dessen Duft den Gesamtraum erfüllt und in seinen organischen Formen raumgreifend und -besetzend eine Skulptur im Prozess entwickelt.
Inmitten des Seifenbeckens, das wie der Gesamtraum durch Betonpfeiler in gleichmäßige Segmente aufgeteilt wird, steht das ehemalige Aufzughäuschen. Einst über die Jahre stark beansprucht und verschmutzt und mit Farbschichten überzogen, ist nun durch das Abklopfen des Putzes rotbrauner Backstein zum Vorschein gekommen. Die Metalltüren sind frisch lackiert, der Beton am Türsturz ist gereinigt. Eine Schicht transparentes Silikon dichtet die Natursteine ab und veredelt sie durch seinen öligen Glanz. In die heraus gestemmten Fugen sind dünne transparente Plastikschläuche eingelassen oder quellen aus den Schlitzen hervor. Sie überziehen den Stein - die Struktur des Mauerwerks betonend - mit einer feinen Maserung. Die Plastikschläuche leiten aus vielen, unsichtbar unter der Decke platzierten Membranpumpen Luft für die Seifenblasen in das Wasser. Körperhaft rot, feucht schimmernd und durch die Schläuche geädert steht der erratische Block mit seiner geschlossenen Tür in dem ihn weich umspülenden und schützenden Schaum. Er bildet kraftvoll und unangenehm lautstark den Energiekern im Zentrum einer Folge von Umrahmungen, deren äußerste Haut die Mauern des Baukörpers selbst darstellen.
Air base 30°,60°,95° arbeitet eng mit und an den architektonischen und geschichtlichen Besonderheiten des Ortes. Die Installation nimmt Bezug auf die Verwendung der Räume des Hafermagazins als Militärwäscherei nach dem 2. Weltkrieg. Die Idee, dass ein Raum als Träger von Information und Erinnerung diese wieder ausspeien, d.h. der abgeflossene Schaum aus dem Boden hervorquellen und sich “gereinigt” in die Gegenwart drücken könnte, war Ausgangspunkt für die künstlerischen Eingriffe. Im Ankratzen und Freilegen des Mauerwerks werden die Schichten untersucht, mit der Seife ein Material der damaligen Arbeitssituation zitiert.  An einem Ort, an dem in der Vergangenheit Intimes in einer militärischen Institution öffentlich wurde, tritt nun mit dem Schaum ein per se körpernahes und intimes Material in Aktion und mit dem wundglänzenden, hermetisch abgedichteten Häuschen in seiner Mitte in einen Dialog.






1998. Rauminstallation. Hafermagazin Landau. Folienbecken 18,5 x 13,5 m, Schaumbad, Silikon, Membranpumpen, Plastikschläuche

 

Christine Biehler hat dabei gewiss das dynamischste und sinnlichste Kunstwerk geschaffen, indem sie gleichsam eine prozessuale Skulptur aus Schaum kreierte, die von – dekorativ um das ehemalige Aufzugshäuschen – gelegten Silikonschläuchen künstlich beatmet wird.

(Gabriele Weingärtner, Die Rheinpfalz, 9/1998)

 

Christine Biehler weicht Räume und Vorstellungen auf.

(Gottfried Hafemann, Katalog DER ORT. Wiesbaden. 2000, S. 27)

 

Die Künstlerin hat mit Air base 30°,60°,95° eine prozessuale Skulptur geschaffen, die minimalistisches Formvokabular und Prozessualität vereint. Biehlers Interesse an der Geschichte von Räumen und an Materialien löst sich in diesem Werk beispielhaft ein.

(Melanie Rick, Klasse:Buch - 64 Positionen aus der Klasse Eißfeldt, Kehrer Verlag 2014, S. 244)