2002. Rauminstallation im Rahmen der Ausstellung „Der Berg“, Kunstverein Heidelberg. Farbfotografie ‚Berg I', Folie, Betonmischmaschine umgebaut, Palette mit Zementsäcken, Styropor, Samt, Baulampen

 

Als Beitrag der Ausstellung “Der Berg” wird behauptet, dass jeder sich sein Bergbild selber bauen kann. Eine erste Bergfotografie wird mit Materialresten ausgestellt.

2002. Rauminstallation im Rahmen der Ausstellung „Der Berg“, Kunstverein Heidelberg. Farbfotografie ‚Berg I', Folie, Betonmischmaschine umgebaut, Palette mit Zementsäcken, Styropor, Samt, Baulampen

 

Eine staubige grüne Plane mit bunten Klebebandmarkierungen bedeckt den Boden des Ausstellungsraumes im Souterrain. Grobe, beton- und wachsverschmierte Styrporbrocken liegen verstreut in der hinteren Hälfte des Raumes. Sie sind offensichtlich Relikte, Teile einer ehemals großen Skulptur. Eine Palette mit hüfthoch aufgetürmten Zementsäcken, eine Betonmischmaschine mit bis unter die Decke verlängerten Stützbeinen und eine notdürftig zusammen gezimmerte etwa 4 mal 5 Meter große Sperrholzplatte mit partiellem Samtbezug sind ebenfalls dort abgestellt.

Hinter diesen skulpturalen Elementen sind auf der Rückwand in gleichmäßigen Abständen Linien gezeichnet, die sich bei genauerem Hinsehen als Höhenangaben entpuppen: 1000 Meter, 1250 Meter usw.

An der Stirnwand des Raumes hängt mittig, mit einem Spot extra beleuchtet, eine 1 mal 1,30 Meter große Farbfotografie. Der Abzug zeigt einen Berg mit Schnee bedeckter Spitze vor einem Wolkenhimmel im Abendlicht. Leichter Nebel am Fuß des Berges zieht über eine blaue wellige Wasserfläche. Doch sehr schnell wird sichtbar, dass es sich bei diesem atmosphärisch aufgeladenen Bild nicht um die Abbildung eines realen Berges, sondern eines gebauten, eines Modellberges handelt. Das schimmernde Blau des Sees im Vordergrund ist fein gekräuselter Samt, der Himmel setzt sich zusammen aus Wolkentapetenbahnen, der Stein des Berges ist grob gespachtelter Beton. Jede Viertel Stunde setzt sich die Betonmischmaschine - dann mit einer Baulampe hell beleuchtet - in Betrieb. Das laute raue Geräusch der rotierenden Trommel erinnert an einen Steinschlag. Nun kann es losgehen, nun könnte sich von oben herab eine Ladung Zementsandmasse ergießen. Hat genau das schon stattgefunden?

Unsere Welt lebt mit den Vorstellungen, die uns Bilder vermitteln. Wer sich auf Postkarten, Wandtapeten oder Kalenderblättern Bergmotive betrachtet, findet oftmals die gleiche Bildkonstruktion vor: Vordergrund: See oder Wiese, Mittelgrund: Aufsteigender Berg und Hintergrund: Himmelsblau um den Gipfel - ein Klischee, das die Sehnsucht nach stiller Größe und Erhabenheit beim Anblick eines verschneiten Gipfels weckt und nährt. Mountain kit analysiert und dekonstruiert diese Bilder vom Berg. Das Schema ist in der Wandfotografie „Berg I“ nachvollzogen. Die Fotografie als Vorschlag für Folgebilder, als Vorbild zum Nachbasteln entkleidet aufgrund ihrer offensichtlichen Konstruiertheit das Pathos und Einmaligkeit des Bildes vom Berg. Die Installation kann auch leicht erhöht, wie von einer Plattform zum Fotografieren einer Sehenswürdigkeit angeschaut werden. So ist das Thema des Bildbetrachtens und -wahrnehmens bereits in der Spezifik des Ortes angelegt. Der am tiefsten liegende Raum des Kunstvereins ist in eine Baustelle verwandelt, eine Bilderfabrikationsstätte, die Einblick in die profanen Mechanismen des Bildermachens gibt und in der behauptet wird, dass Bilder von Naturphänomenen gleichsam für den Hausgebrauch jederzeit nachbaubar sind.

Die Installation als Bausatz, wie der Titel es vorschlägt, gibt Anleitung für den Modellbauer und situiert sich  - selbst als Modell - an der Schnittstelle zwischen funktionsloser Autonomie und einer behaupteten Zweckgebundenheit.Das absurde Angebot “build your own mountain”, bei dem der Zement aus der Region gleich mitgeliefert wird, bildet einen humorigen und kritischen Kommentar zu der Gruppenausstellung als ganze, in der sicher ist, dass es so viele Bilder vom Berg wie Betrachter gibt, die sie in ihren Köpfen entwickeln.

2002. Rauminstallation im Rahmen der Ausstellung „Der Berg“, Kunstverein Heidelberg. Farbfotografie ‚Berg I', Folie, Betonmischmaschine umgebaut, Palette mit Zementsäcken, Styropor, Samt, Baulampen

 

Unten im Studio hat die in Landau geborene, nach ihren Studien in Mainz, Berlin und Braunschweig nun in Frankfurt/M. ansässige Künstlerin Christine Biehler (*1964) einen Kommentar zu der Vielzahl von Berg Bildern verfaßt, die in der Ausstellung gezeigt werden. Jeder hat doch wohl sein eigenes Bild vom Berg, also: Do it yourself!

Die Künstlerin hat das Studio des Kunstvereins in eine «Berg Baustelle» verwandelt. Zement, Styropor, Betonmaschine und weitere Utensilien laden die Betrachter ein, sich ihren eigenen Berg zu bauen  – ein Foto an der Wand zeigt eine mögliche Variante. Der abgebildete Berg ist tatssächlich in den Räumen des Kunstvereins entstanden. Die Künstlerin arbeitete über eine Woche daran,um ihn zu fotografieren und danach wieder zu zerstören – die einzelnen Teile finden sich in der Installation wieder.

Christine Biehler sucht in ihrer Arbeit die Interaktion des Besuchers, jedoch nicht praktisch, sondern theoretisch, gedanklich. Sie bietet dem Betrachter die Möglichkeit, das umfassende Thema des Berges allein für sich zu «bearbeiten» und zu bestimmen, ohne den Blick in eine bestimmte Richtung zu lenken. So offen und vielfältig wie das Thema, so offen und vielfältig sind die möglichen Resultate ihrer Arbeit (vgl. Kat. S. 316)

(Christine Breitschopf und Hans Gercke, Gegenwärts, 7/2002)