2003. Rauminstallation. Mainz, Städtische Galerie Brückenturm. Glas, Pflastersteine, Acrylfarbe, Absperrgitter, Absperrband, versetzte Wand, Scheinwerfer, 2 Leitern



Ein Ausstellungsraum erleidet eine fiktive Zerstörung, Glasscheiben sind zerbrochen. Die Flecken der “Farbbomben” sind stark vergrößert und akribisch an die Wände gemalt.

2003. Rauminstallation. Mainz, Städtische Galerie Brückenturm. Glas, Pflastersteine, Acrylfarbe, Absperrgitter, Absperrband, versetzte Wand, Scheinwerfer, 2 Leitern



Tatort Brückenturm: es wurde eingebrochen! Mehrere Segmente der Glasscheibe, die die beiden Ausstellungsräume trennt, sind eingeschlagen, Splitter bedecken den Boden, Pflastersteine als corpus delicti liegen verteilt im Innenraum. Rote großflächige Farbspitzer - Blut? - verschmutzen die weißen Innenwände. Waren vor der Eröffnung Randalierer am Werk, die sich unerlaubt Eintritt in das Gebäude verschafft haben? Der Ort wurde indes schon gesichert, Absperrgitter und ein rot/weiß gestreiftes Absperrband vor der Öffnung schützen vor noch herab brechendem Glas. Zwei helle Halogenscheinwerfer beleuchten die Szenerie.

Man darf eintreten. Die Besucher gehen die Wendeltreppe nach oben und blicken vom 1. Stock wie von einer Tribüne oder Loge ungefährdet nach unten auf die Spuren des Geschehens. Schnell wird jedoch deutlich, dass der Vorfall inszeniert ist und selbst die Zuschauer auf der zu einem schmalen Gang verengten Empore Teil des Bildes sind .Die Geschichte des „Crash“ und des „Splash“ ist eng an die Besonderheiten des Ausstellungsortes geknüpft - Kunst in situ - Was die Architektur bereits anlegt, die Dreiteilung des Ausstellungsbereiches in eine Außen- und Innenzone und diese wiederum in ein Oben und Unten, wurde aufgegriffen und inhaltlich gefüllt.

Was auf einen ersten Blick wie Farbspritzer aus mächtigen Farbbeutelgeschossen, wie vergrößerte Mikroben oder Innereien aussah, wurde zum überwiegenden Teil aufwendig und detailliert mit kleinen Pinseln auf die Ausstellungswände gemalt. Der dichte, in differenzierten Rot-Rosatönen wie gehäkelte Farbauftrag bildet eine reliefartige Struktur, die stellenweise ergänzt wird von monochromen pastosen Flächen. Die Streckung der Zeit im Malakt steht im Kontrast zu der Form der Flecken, die im Blow-Up übergroß gezeichnet, an das im Comic verwendete pattern eines sekundenschnellen „Splash“ erinnern. Das schnelle Aufklatschen der Farbe ist Bild geworden, die tachistische Geste karikiert. Dieses Spiel mit der Malerei und ihren Bildtraditionen geht weiter an Stellen, in der nur noch die Konturlinien auf die Form verweisen oder an Flächen, die übertrieben ungelenk mit einen Pinsel gestrichelt sind.

Die Flecken spiegeln sich von Innen gesehen in den intakten Glasscheiben der Zwischenwand. Dahinter ist ein Schriftzug zu lesen, der sich - gleich einer Bildunterschrift oder Überschrift für eine Geschichte - über die ganze 12 Meter lange Rückwand des äußeren Raumes zieht. Heile, heile Gänschen, es wird bald wieder gut!  spielt neben dem offensichtlichen Verweis auf den Schaden und seiner Behebung auf das Umfeld Mainz an: Der Kindervers wird traditionell als Fastnachtslied jährlich an Rosenmontag in der dem Brückenturm gegenüberliegenden Rheingoldhalle gesungen und reflektiert im Kontext der Installation eine Heile-Welt-Mentalität, die hysterisch munter Irritationen, die von der Kunst ausgehen können, weder wünscht noch längerfristig zulässt. Nicht von ungefähr entwickelte Christine Biehler die Installation vor dem Hintergrund, dass der Brückenturm als Ausstellungsort gefährdet ist und Mainz in Zeiten der allgemeinen öffentlich leeren Kassen eine städtische Galerie nicht mehr für finanzierungswürdig erachtet. Die Installation antwortet mit einem ambivalenten Eingriff; der Künstler kommt dem Abbau bevor und wirft Steine, bevor es andere tun.
Die Vorwegnahme der „Zerstörung“ als Ausstellung ist im Umkehrschluss auch ein Anfrage an die Kunst selbst: Die Membran zwischen Außen und Innen wurde zwar vehement geöffnet und kann als Plädoyer für größere Transparenz gelesen werden. Trotzdem bleibt die Arbeit  im Schon- und Rückzugsraum der Galerie und führt Diskurs mit einer fraglichen Wirkkraft in andere Räume des öffentlichen Lebens.


Die Geschichte des „Crash“ und des „Splash“ ist eng an die Besonderheiten des Ausstellungsortes geknüpft. Was die Architektur bereits anlegt, die Dreiteilung des Ausstellungsbereiches in eine Außen- und Innenzone und diese wiederum in ein Oben und Unten, wurde aufgegriffen und inhaltlich gefüllt.