2002. Rauminstallation. Kunstverein Kassel. Eis, Metall/Holzkonstruktion, 60 Europaletten, Kühlaggregatschläuche



Ein riesiger, hell gleißender Eisball, der leicht zu schweben scheint, hat sich an einem Pfeiler verfangen. Aus der Öffnung quillen vereiste Schläuche. Besucher nehmen auf der Palettentribüne gegenüber Platz.

2002. Rauminstallation. Kunstverein Kassel. Eis, Metall/Holzkonstruktion, 60 Europaletten, Kühlaggregatschläuche

 

Während draußen die Sonne vor schwüler Hitze nicht untergehen will, ist hier im Kunstverein eisige Kälte eingezogen. Christine Biehler hat diesen überdimensionalen Schneeball in den Raum gerollt, er hat sich an einem Pfeiler gefangen und ist zu Eis erstarrt. Deckenfluter bringen das Eis und den dünnen Reif zum Gleißen.

Gegenüber ist eine flache Tribüne aufgebaut, auf der sich die Besucher niedergelassen haben, um dieses “Naturereignie” zu betrachten. So sehr die Kälte unser Körpergefühl bestimmt, die Kugel unseren Blick fängt, das Licht blendetund uns also alle Sinne ansprechen, uns einfach faszinieren und beeindrucken, so sehr baut Christine Biehler auf einem genau überlegten und erweiterten Kontext, der sich im zweiten Blick ebenso vermittelt.

Der Titel ‚deep freeze’ benennt diese andere Seite: Sie sind ja bereits herum gegangen und haben die vereisten Schläuche, die aus der Kugel herausquellen und sich am Boden verteilen, gesehen. Sie haben beim Heraufkommen unten vor dem Haus das riesige Kühlaggregat bemerkt, das mit seinem penetranten Motorgeräusch immer wieder die kühle Betrachterkontemplation stört. Das ist der Preis für’s Eis. Und so haben sie festgestellt, dass diese Eiskugel wie ein offenes Tiefkühlfach funktioniert, das mehr und mehr vereist, während die Kühltemperatur ständig und aufwendig auf der Frostgrenze gehalten wird.

Die Ingenieursleistung korrigiert die Faszination über die Größe und Reinheit der Eiskugel, irritiert die Erinnerungen an Schneeballschlachten und Naturschauspiel, und lässt die Betrachter auf den Europaletten als Teil der Installation – das wäre dann ein weiterer Kontext – zu „einsamen Wanderern über dem Nebelmeer“ werden. Sie wissen vielleicht, dass auch Caspar David Friedrich in seinen romantischen Landschaftsbildern immer irgendwo im Hintergrund einen Fabrikschornstein hat rauchen lassen. So thematisiert sie die Frage nach der Herkunft von, der Wirkung und dem Verständnis von Bildern, nach Illusion und Konstruktion, nach Schönheit und bildtechnischem Kalkül.

 

 

2002. Rauminstallation. Kunstverein Kassel. Eis, Metall/Holzkonstruktion, 60 Europaletten, Kühlaggregatschläuche



Christine Biehlers Installationen sind poetische Räume als begehbare Bilder, die ihre Erzählung in erster Linie über das sinnliche Erleben entwickeln, deren Material sich aber dann in eine Metapher wendet und einen gedanklich hintergründigen Hof bildet.
Auch diese - wie viele Arbeiten von Christine Biehler - verschwindet einfach nach der Ausstellung, das Eis schmilzt und alles ist dahin.

(Bernhard Balkenhol/ Auszüge aus der Eröffnungsrede)