Räume kneten. Kunstvermittlung als plastischer Prozess

Mein Lehransatz hat sich aus meinen Erfahrungen als Installationskünstlerin in der Arbeit mit Räumen entwickelt. Da Kunstvermittlung ebenfalls in Räumen stattfindet und ihre eigenen Raum etabliert, macht es Sinn Arbeitsprinzipien der Raumkunst auch dort anzuwenden: Methoden der Kunst werden als Methode von Lehre genutzt. Meiner Lehre liegt also eine künstlerische Haltung zugrunde, die ihre Verfahrensweisen und Denkstrukturen aus meiner Tätigkeit als Bildende Künstlerin ableitet und in der pädagogischen Arbeit wirksam werden lässt.

Am Anfang steht die Kunst. Sie gilt es ernst zu nehmen. Sie steht uns gegenüber und gibt durch verhandelte Inhalte und ihr Material bereits die Impulse und Vorgaben, die wir für die Vorgehensweise im Vermittlungsprozess brauchen. Haben wir es mit Architektur zu tun oder Musik, geht es um Gesellschaftskritik oder Farberfahrungen? Verschiedene künstlerische Gegenstände evozieren verschiedene Formate der Kunstvermittlung.

Nun begegnen wir Kunst nicht im Niemandsland. Sie ist Kunst durch ihren Kontext, der unser Verhalten und Begreifen in den Kunsträumen steuert und prägt. Eine kritische Kunstvermittlungspraxis sollte deshalb den Fokus auch auf den spezifischen Kontext legen, in der wir den Gegenstand wahrnehmen können, bzw. der vom Gegenstand geschaffen wird.

Wie kann man nun den Rahmen zum Thema machen? Zunächst gilt es den Raum zu untersuchen: Wo sind wir? Im Museum? Im Außenraum? Was bestimmt die Situation? Welche Informationen trägt der Raum? Wie ist das Setting? Die spezifischen Merkmale werden in ihren Qualitäten recherchiert. An den augenscheinlichen Bedingungen kann man im Vermittlungsprozess schon viel tun. Man kann den Raum wechseln, Stühle und Bänke anordnen, sich draußen oder drinnen aufhalten. Das Setting kann bereits eine Situation grundlegend bestimmen. Neben dem greifbar Dreidimensionalen, wie etwa Mobiliar, Größen- und Lichtverhältnisse bilden auch die Geschichte, Funktionszusammenhänge, Machtverhältnisse, Regeln, unsere Konditionierung, die Art der Kunstgeschichtsschreibung den Kontext einer künstlerischen Arbeit  und sind als verschiedene, sich ergänzende Raumlevel zu begreifen. Alles, was sich an einem Ort befindet, ob sichtbar oder unsichtbar, ist beachtenswert. Dabei tragen zur Raumkonstitution auch der Körper des einzelnen, die Formation der Gruppe und das Verhältnis Lehrendenkörper zu Gruppenkörper bei. Alle Anwesenden, ob passiv oder engagiert, sind Produzenten von Raum und spielen ihre Rollen im Zusammenspiel seiner Elemente. Eine Kunstvermittlung, die „Räume knetet“, also an räumlichen Phänomenen arbeitet und sich als Raumarbeit begreift, kann sie zum Inhalt machen.

Nach der Analyse folgt die Transformation. Wie kann man die ermittelten Koordinaten verrücken? Wo gibt es Erstarrungen, festgefahrene Sichtweisen oder bisher Verborgenes? Wo gibt es Veränderungsmöglichkeiten in den jeweiligen strukturellen Komponenten? Wie kann ich mit dem Präsentationskontext spielen? Eine Situation ist wie eine Form. Wie in der klassischen Bildhauerei kann da weggenommen, geschliffen, chaotisiert und dekonstruiert werden oder verschiedenartiges Feeling mit eingespielt werden - vorausgesetzt, man weiß um die Bedeutung und die Verbindlichkeit situativer Bedingungen in einer künstlerischen oder Kunst vermittelnden Praxis. Dies erfordert eine Haltung in der Vermittlungsarbeit, in der zunächst weniger „vermittelt“, als vielmehr die Rahmenbedingungen für Erkenntnisprozesse geschaffen werden, z.B. ein Binnenklima hergestellt wird, das es ermöglicht, die spezifische Energie der Kunst wirksam werden zu lassen.

Da es sich dabei um ortsspezifisches Arbeiten handelt  - eine Arbeit von der Kunst und dem spezifischen Raum aus - und die Formen und Schritte ganz eng mit der spezifischen Kunst und ihrem Ort verbunden sind, kann es keine übertragbaren Ablaufprotokolle geben, sondern nur Forschungsfragen für spezielle Fälle.

Jede Gruppe geht dabei einen anderen Weg. Setzungen werden im Prozess gemacht entlang den Interessen, Möglichkeiten und der Beweglichkeit einer Gruppe. Sie erfordern Präsenz, es gilt für den Moment anwesend zu sein, sich auf die Spielregeln der gestalteten offenen Situation einzulassen, sich aufzuhalten. Die TeilnehmerInnen müssen eintauchen und sich bewegen um dann mehr vom künstlerischen Prozess zu begreifen oder selbst ästhetisch zu handeln. Das vorrangige Ziel ist nicht die Festigung unabdingbarer Gewissheiten, sondern das Erfahren und Erforschen von Kunst als Ausdrucks- und Denkform. Die Vermittlungssituation verstehe ich als kommunikative Versuchsanordnungen, in denen sich Faktoren wie Methoden, Wissen oder Erkenntnis erst herstellen.

Angesetzt wird nicht am Ende, dort, wo die Dinge als fertig, fest und getrennt voneinander erscheinen und wo wir glauben, etwas zu wissen, sondern wir orientieren uns am Prozess. Der Fokus wird auf eine Entwicklung in der Zeit gelegt. Die Prozessorientierung ist insbesondere wichtig in der Lehrhaltung: die Vermittlerin hat zwar eine Richtungsidee, aber innerhalb der Situation muss sie locker bleiben, hin und her schwingen und die Forschungsbewegung in der ästhetischen Erfahrung zulassen. Dieses Setzen und Verwerfen, Fassen und Loslassen ist ein weiterer Modus der Kunst.

In einem plastischen Prozess geht es um Abbau- und Aufbauprozesse. Kunstvermittlung kann man auch als plastischen Prozess bezeichnen, weil dort ein Vermögen das andere fortwährend bewegt, beeinflusst, fördert oder auch hemmt. Alles was getan wird, drückt sich ein. Spätestens seit Joseph Beuys können wir in Ergänzung eines konventionellen Verständnisses unter dem Begriff der Plastik auch Immaterielles begreifen, welches sich analog zu einer materiellen Plastik gestalten lässt. Die Werkstoffe dieses plastischen Arbeitens sind unser Denken und miteinander Sprechen, das Hören, das Zuhören. Wir bewegen Ideen und damit andere Menschen. Kunstvermittlung ist also bildendes Tun, ein kollaborativer plastischer Prozess des Formens und Schleifens.

Der Blick verschiebt sich von zu lernenden Stoffen hin zur Planung und Strukturierung von Situationen mit Erkenntnispotentialen. Ein Ereignisfeld entsteht. Darin treten sich alle Mitspieler und der Gegenstand der Untersuchung auch körperlich gegenüber. Sie stellen sich in die Situation und erfahren den eigenen Leib als Material im Raum und in der künstlerischen und Kunst vermittelnden Entwicklungsarbeit. Wird der Körper als aktiver Teil der Kommunikationssituation begriffen, kann man mit ihm auch bewusst arbeiten und Hand- und Kopfarbeit gehen zusammen.

Deshalb ist Performativität ein weiterer wichtiger Begriff innerhalb meiner Lehre. Durch das persönliche Involviertsein setzen die Studierenden oder KunstvermittlerInnen Prozesse in Gang, die sie unmittelbar verantworten müssen. Keine sichere Distanz kann genommen werden. Die unmittelbare Form der Auseinandersetzung mit einem Gegenstand von Interesse führt bei den TeilnehmerInnen zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst und setzt einen Prozess des Fragens und Hinterfragens in Gang. Die Arbeit fordert heraus Stellung zu beziehen - und das in ganz wortwörtlichem Sinne!

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in einer Kunstvermittlungssituation die Gestaltung und die Arbeit am Raum und seiner Atmosphäre ein Formprozess ist, den man als KunstvermittlerIn bewusst steuern kann. Die Methoden sollten sich eng an ihrem Gegenstand orientieren. Performative Praktiken, wie etwa die gesetzte Handlung oder der bewusste Umgang mit Zeit und mit Rhythmus können Zugang zu einem erweiterten Bildverständnis und der Prozessualität künstlerischer wie Kunst vermittelnder Praxis eröffnen.

(Stand 12/2010)