Seit 2009. Skulpturale Intervention

 

 

Kippungen sind temporäre Maßnahmen im öffentlichen Raum zur Erlangung invasiver Schieflagen. Denkmäler, historische und zeitgenössische Skulpturen und Bauwerke werden an einer Seite aufgebockt und so 5°-15° gegen die Vertikale geneigt.



Seit 2009. Skulpturale Intervention

 

Im städtischen Raum finden sich eine Vielzahl von Bauwerken, Skulpturen oder Denkmäler, die so selbstverständlich und ungefragt ihren Platz einnehmen, dass sie, wie bereits Musil konstatierte, „gegen die Aufmerksamkeit imprägniert“ gleichsam „unsichtbar“ geworden sind. Sie sind Medien der Erinnerungskultur oder Visualisierungen aktueller hegemonialer Machtansprüche und dokumentieren kollektive Weltbilder und Wahrnehmungsweisen. Gesellschaftliche Haltungen und Machtverhältnisse legitimieren sich in Stein oder Metall, Interpretationsspielräume sind fest zementiert. Die Stifter erhoffen sich von der Dauerhaftigkeit des Materials die Dauerhaftigkeit ihrer Ideen.

Der Einzelne steht dieser Repräsentationsarchitektur nun nicht mehr ohnmächtig gegenüber: Kippungen sind temporäre Maßnahmen im öffentlichen Raum zur Erlangung invasiver Schieflagen. Sie bringen die ausgewählten Objekte und Bauwerke für eine gewisse Zeit in den richtigen Winkel und in die angemessene Seitenlage. Die revitalisierenden Interventionen rücken „gerade“, was der Twin-Towers- oder Bankencrash schon gezeigt haben: Die aufrechte, angeblich stabile Vertikale kann sich heute nicht mehr halten.

Nach dem Untersuchen der Fundamente wird das Monument oder die Skulptur samt Sockel aus der Verankerung herausgelöst und einseitig mit Hilfe eingetriebener Keile, dem Einsatz eines Minikrans oder Lastenhebers aufgestemmt. Die Monumente, wie Denkmäler, historische und zeitgenössische Skulpturen und Bauwerke, werden so 5°-15° gegen die Vertikale geneigt.

Auf die Koordinaten des Umraums wird invasiv mit präziser Flektion reagiert. Das Gleichgewicht und die Stabilität werden ausgereizt, aber die Kippung ist nicht so stark, dass es zum Umsturz kommt.

Stellt der Betrachter durch Neigung des Kopfes den senkrechten Stand des gekippten Objektes in seinem Blickfeld wieder her, gerät der vermeintlich sichere Boden unter den Füßen in Schräglage.