1996. Essen. Kunsthaus. Video installation/ Performance in rest room, monitor, tube, foam

 



A screen shows extra large a tip of a nose with two dark nostrils, which blow up themselves like a pair of bellows and pull together when breathing out again.
A long, transparent hose winds itself out of the monitor twisting along the wall and the ground to a closed cab of the toilet area at the end of the corridor. Between door and floor panels the naked legs and feet of a woman peep out of this cabin. From the toilet bowl and the washbasin incessantly bloom white, glittering foam presses itself upward.



1996. Essen. Kunsthaus. Video installation/ Performance in rest room, monitor, tube, foam

 



At the beginning of a dark long corridor of a former school there hangs a monitor into three meters height. The screen shows extra large a tip of a nose with two dark nostrils, which blow up themselves like a pair of bellows and pull together when breathing out again.

Loud and violent breathings are to be heard in the whole area, which affect unpleasantly the breath rhythm of the visitors, because they are recorded slightly retarded.

A long, transparent hose winds itself out of the monitor twisting along the wall and the ground, twining round puddles and foam lumps to a closed cab of the sharply lit up toilet area at the end of the corridor. Between door and floor panels the naked legs and feet of a woman peep out of this cabin.

She lies on her belly on the soil and carries reddish woolen socks and a skirt. Now and then her thighs move. lf one approaches, flute tones, weakly breathed and in parts sounding wrongly from the german children's song “Horch, was kommt von draußen rein" can be heard.

The door of the other toilet cab is opened. From the toilet bowl and the washbasin in the anteroom incessantly bloom white, glittering foam presses itself upward. The fine movements let the basins overflow.

After a while high foam sculptures curve like large tongues into the room. They collapse again at the end of the action. The bubbles and the developed picture dissolve.

1996. Essen. Kunsthaus. Video installation/Performance in rest room, monitor, tube, foam

 


Christine Biehler komponierte für den sanitären Bereich ein komplexes 'Bild' aus mehreren Einzelelementen, die sich zu einem rätselhaften, im Laufe der Zeit beklemmender werdenden Ensemble verdichteten   dies umso mehr, als keine maßgeblichen Veränderungen eintraten, kein Ende, keine Auflösung und Entspannung absehbar und die Verknüpfung der minimalen 'Handlungen' nicht zu klären waren. Beeinflußt das Keuchen das Anwachsen der Schaumberge? Beatmet die Nase auf dem Monitor über die Schlauchverbindung den Körper hinter der verschlossenen Kabinentür, oder wird eine Live Übertragung gezeigt? Alle Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf das Zentrum der Arbeit: den nahezu reglos auf dem feuchten, kalten Kachelboden liegenden Frauenkörper. Ähnlich ihrer Videoperformance 'Nichts geht verloren', auf der sie bäuchlings eine Treppe herunterrutscht und dabei Stufe für Stufe mit ihrer Zunge sauberschleckt, benutzt die Künstlerin auch für diese Installation ihren Körper als Arbeitsmaterial, als ein Vehikel zur Darstellung von weiblicher Körperlichkeit in Bezug auf Hygiene, Erotik, Kindheitsbilder etc. Gerade auch die Schonungslosigkeit, mit der sie dies tut, hat Anteil an der Beklemmung. Denn obgleich der Veranstaltungsrahmen abgesteckt und der Betrachter sich bewußt war, daß er sich durch ein künstlich konstruiertes Arrangement bewegte und daß der Frau, der Künstlerin in der verschlossenen Toilettenkabine, nichts zugestoßen war, was sie nicht selbst inszeniert hatte, drängten sich angesichts der Situation Bilder oder Erinnerungen von Zwang, Ohnmacht, Mißbrauch, Verbrechen und Tod auf. Die assoziierte Gewalt war schließlich nicht nur eine vorgegaukelte, sie war ja auch die reale, für jeden sensiblen Besucher spürbare Gewalt, der sich Christine Biehler selbst unterwarf, als sie ihre Rolle in diesem Bild festlegte. Hin  und hergerissen zwischen ambivalenten Gefühlsmustern von anerzogener Diskretion und skrupelloser, schamloser Neugierde näherte sich die Rolle des Betrachters dabei unwillkürlich der eines Voyeurs. Christine Biehler verknüpft in ihren Live  oder Videoperformances Handlungssequenzen, Alltagsgegenstände, Nahrungsmittel und meist auch ihren eigenen Körper zu Bildern, die, je sachlicher, cleaner, hochästhetischer und präziser sie inszeniert wurden, umso intensiver an die Grenze des 'guten Geschmacks', an tabubeladene Gefilde rühren. Ihren Themen und Motiven haftet durch sozialisationsgeprägte Vorstellung etwas Indiskretes, Unschickliches, Verbotenes an, obgleich der neutrale Blick auf ihre äußere Form nichts dergleichen ausmachen kann.

(Claudia Heinrich)