Videoperformance. 1999. Monitor, Schlauch, Schaum

 

 

Die Bildfläche eines Monitors zeigt übergroß eine Nasenspitze mit zwei dunklen Nasenlöchern, die sich wie Blasebalge aufblähen und sich beim Ausatmen wieder zusammenziehen. Ein langer transparenter Schlauch schlängelt sich ausgehend vom Monitor an der Wand und am Boden entlang zu einer geschlossenen Kabine der kleinen Toilettenanlage am Ende des Flurs. Aus der Kloschüssel und dem Waschbecken im Vorraum drückt sich unablässig blütenweißer, glitzernder Schaum nach oben. Aus dem Spalt zwischen Tür und Fußbodenplatten dieser Kabine lugen die nackten Beine und Füße einer Frau hervor.


Videoperformance. 1999. Monitor, Schlauch, Schaum

 

In einem dunklen langen Flur der ehemaligen Schule hängt eingangs in drei Meter Höhe ein Monitor. Die Bildfläche zeigt übergroß eine Nasenspitze mit zwei dunklen Nasenlöchern, die sich wie Blasebalge aufblähen und sich beim Ausatmen wieder zusammenziehen. Ein langer transparenter Schlauch schlängelt sich ausgehend vom Monitor an der Wand und am Boden entlang durch Pfützen und Schaumbatzen zu einer geschlossenen Kabine der grell beleuchteten kleinen Toilettenanlage am Ende des Flurs.

Aus dem Spalt zwischen Tür und Fußbodenplatten dieser Kabine lugen die nackten Beine und Füße einer Frau hervor. Sie liegt bäuchlings auf dem Boden. Ab und an bewegen sich ihre Schenkel. Kommt man näher, dringen aus der Kabine Blockflötentöne aus dem Kinderlied “Horch, was kommt von draußen rein".

Die Tür der anderen Toilettenkabine ist geöffnet. Aus der Kloschüssel und dem Waschbecken im Vorraum drückt sich unablässig blütenweißer, glitzernder Schaum nach oben. Die feinen Bewegungen bringen die übervollen Becken zum Überlaufen. Nach einer Weile wölben sich hohe Schaumskulpturen wie große Zungen in den Raum, die am Ende der Aktion wieder in sich zusammen fallen.

Videoperformance. 1999. Monitor, Schlauch, Schaum


Christine Biehler komponierte für den sanitären Bereich ein komplexes 'Bild' aus mehreren Einzelelementen, die sich zu einem rätselhaften, im Laufe der Zeit beklemmender werdenden Ensemble verdichteten   dies umso mehr, als keine maßgeblichen Veränderungen eintraten, kein Ende, keine Auflösung und Entspannung absehbar und die Verknüpfung der minimalen 'Handlungen' nicht zu klären waren. Beeinflußt das Keuchen das Anwachsen der Schaumberge? Beatmet die Nase auf dem Monitor über die Schlauchverbindung den Körper hinter der verschlossenen Kabinentür, oder wird eine Live Übertragung gezeigt? Alle Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf das Zentrum der Arbeit: den nahezu reglos auf dem feuchten, kalten Kachelboden liegenden Frauenkörper. Ähnlich ihrer Videoperformance 'Nichts geht verloren', auf der sie bäuchlings eine Treppe herunterrutscht und dabei Stufe für Stufe mit ihrer Zunge sauberschleckt, benutzt die Künstlerin auch für diese Installation ihren Körper als Arbeitsmaterial, als ein Vehikel zur Darstellung von weiblicher Körperlichkeit in Bezug auf Hygiene, Erotik, Kindheitsbilder etc. Gerade auch die Schonungslosigkeit, mit der sie dies tut, hat Anteil an der Beklemmung. Denn obgleich der Veranstaltungsrahmen abgesteckt und der Betrachter sich bewußt war, daß er sich durch ein künstlich konstruiertes Arrangement bewegte und daß der Frau, der Künstlerin in der verschlossenen Toilettenkabine, nichts zugestoßen war, was sie nicht selbst inszeniert hatte, drängten sich angesichts der Situation Bilder oder Erinnerungen von Zwang, Ohnmacht, Mißbrauch, Verbrechen und Tod auf. Die assoziierte Gewalt war schließlich nicht nur eine vorgegaukelte, sie war ja auch die reale, für jeden sensiblen Besucher spürbare Gewalt, der sich Christine Biehler selbst unterwarf, als sie ihre Rolle in diesem Bild festlegte. Hin  und hergerissen zwischen ambivalenten Gefühlsmustern von anerzogener Diskretion und skrupelloser, schamloser Neugierde näherte sich die Rolle des Betrachters dabei unwillkürlich der eines Voyeurs. Christine Biehler verknüpft in ihren Live  oder Videoperformances Handlungssequenzen, Alltagsgegenstände, Nahrungsmittel und meist auch ihren eigenen Körper zu Bildern, die, je sachlicher, cleaner, hochästhetischer und präziser sie inszeniert wurden, umso intensiver an die Grenze des 'guten Geschmacks', an tabubeladene Gefilde rühren. Ihren Themen und Motiven haftet durch sozialisationsgeprägte Vorstellung etwas Indiskretes, Unschickliches, Verbotenes an, obgleich der neutrale Blick auf ihre äußere Form nichts dergleichen ausmachen kann.

(Claudia Heinrich)