Videoskulptur. 1992. Monitor auf Augenhöhe, Videoplayer, Sockel



Videoskulptur. 1992. Monitor auf Augenhöhe, Videoplayer, Sockel

 

Auf dem Plastikkorrekturband einer elektrischen Schreibmaschine sind Buchstaben und Wortfetzen gesammelt, die aus getippten Texten gelöscht wurden Diese Tippfehler bilden im engen Nebeneinander auf dem Band einen neuen Zusammenhang, einen neuen Text.

Der auf Augenhöhe aufgesockelte Bildschirm zeigt im Körperausschnitt frontal einen nackten weiblichen Hals mit Brustansatz. Inmitten des Bildes ist zwischen den Schlüsselbeinen die Kehlgrube sichtbar, deren Vertiefung durch gelenkten Lichteinfall von beiden Seiten noch verstärkt wird.

Der Kehlkopf ist das Organ der Stimmbildung. Die auf dem Band aufgereihten Sonanten und Konsonanten werden gleichmäßig einzeln abgelesen. Beim Artikulieren zuckt das Dunkel in der Grube, Sehnen spannen und entspannen sich und bewegen die sich am Hals bildenden Schatten.

In der zufällig entstandenen Buchstabenfolge finden sich Substantive, d.h. durch unsere Kenntnis von Sprachzeichen können wir manche Segmente zusammenhängend als Bedeutungsträger identifizieren: ode ‑ nase ‑ eisen ‑ tat ‑ erde.

Findet sich ein Wort, werden die Buchstaben zusammenhängend wiederholt. In diesem Moment taucht die Kamera in das Dunkel am Kehlkopf der Sprecherin ein und die Bildfläche wird schwarz.

Danach liest die Frau in der Ausgangsstellung das Band monoton weiter bis zum nächsten "Wort". Der Vorgang wiederholt sich mit zunehmender Anstrengung und somit wachsender Anspannung der Muskulatur bis zum Korrekturbandende.

“Korrekturbandlesung” thematisiert die Anstrengung der Artikulation, des sich Verständlichmachens, der Wort‑ und Sinnfindung im formalen Zeichenrepertoire. Quelle dieses Diskurses sind Fehler, ehemals Unwertes. Diese ungewollten Reste des "eigentlichen Textes" werden ernst genommen und bilden die Grundlage für eine mühevolle Suche nach dem "anderen Text".

Dabei tritt der leibliche Aspekt von Stimme, von Wortbildung in den Vordergrund. Die Videokamera dringt wie in einem operativen Eingriff in den Körper der Sprecherin ein, doch selbst das Versinken im Schwarz unterbricht nicht den gleichmäßigen automatisierten Lesefluss.